Und das System spielt eben doch eine Rolle

Begonnen von Captain, Januar 06, 2011, 14:30:11 NACHMITTAGS

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Captain

Vor über zehn Jahren bereits hat Ron Edwards auf der amerikanischen Rollenspiel-Plattform the Forge seinen Artikel System Does Matter verfasst. Schon damals war das, worüber er da schrieb, offenkundig nichts neues. Und auch ich selbst habe, besonders gehäuft in der letzten Zeit, folgende Äußerungen schon oft gehört: Man kann jede Rollenspielrunde, jeden Spielstil mit so ziemlich jedem Spielsystem betreiben.
Besonders häufig kommen solche Aussagen von langjährigen Anhängern der klassischen großen Mainstream Spiele.

Und genau wie Edwards widerspreche ich diesen Äußerungen jedes Mal sehr deutlich. Zwar gefallen sich viele Rollenspiele damit, unspezifisch zu sein, um möglichst viele Spieler (und damit Käufer) mit den unterschiedlichsten Vorlieben anzusprechen. Aber im Prinzip haben sie alle eine bestimmte Tendenz. Einen Spielstil und/oder -Typus der sich besser damit spielen läßt als andere.

Nehmen wir beispielsweise mal das große deutsche System mit den drei Buchstaben. In seiner offiziellen Spielleiterhilfe steht explizit geschrieben, daß kein bestimmter Stil avisiert wird und damit alle gleichermaßen bedient werden können. Aber die hohe Zahl detailreicher Regeln für jede Kleinigkeit drückt ganz klar simulationistische Vorlieben aus.
Ein großes amerikanisches Spiel, ebenfalls mit drei Buschstaben abgekürzt und praktisch Urvater der Rollenspiele, wurde in seiner dritten Inkarnation so lizenziert, daß seine Mechaniken für die unterschiedlichsten Settings verwendet werden konnten. Dies hat sicher sehr zur Verbreitung des Systems beigetragen und stellt damit einen gekonnten Marketing-Trick dar. Entstanden ist das System aber aus dem Wargaming, sprich aus dem was wird heute als Tabletop kennen. Das System ist voll von Crunch und besonders in seiner aktuellen Edition ist der taktische Ansatz gut abgebildet. Ein Spiel also daß vor allem Gamisten bedient.

Was ist es also, daß Spieler glauben läßt, DSA wäre gut geeignet für cinematische Action-Abenteuer oder D&D perfekt für dramatische Erzählungen? Meiner Meinung nach hat das viel mit Bequemlichkeit zu tun. Man will etwas bestimmtes umsetzten und hat einen Satz an Idee und nimmt dann einfach das System dafür, welches man am besten kennt. Da kann man schließlich am besten abschätzen, was man wie realisieren kann.
Sich umzusehen, was es vielleicht noch an brauchbaren Kandidaten gibt und sich die Zeit nehmen müssen sich da überall auch noch reinlesen zu müssen scheint ein Aufwand zu sein der eine hinreichend große Hemmschwelle bildet. was natürlich dazu führt, daß man bei nächsten Mal vor dem gleichen Problem steht (ohne es möglicherweise als solches wahrzunehmen). Ein wahrer Teufelskreis.

Wenn ich allerdings davon rede, daß ein System für etwas bestimmtes geeignet ist, dann meine ich damit, daß es Mechanismen enthält, die das namentliche unterstützen. Systeme die das nicht tun sind eben nicht geeignet, was nicht zu verwechseln ist mit ungeeignet. Dies bezeichnet nämlich daß es Mechanismen gibt, die Hemmnisse für das angestrebte darstellen (können).

Freilich kann ein guter Spielleiter aus praktisch jedem System auch völlig untypische Sachen rausholen und gekonnt umsetzen. Aber das kann nie so gut werden wie eine Umsetzung mit einem System das explizit für das Entsprechende geeignet ist. Umgekehrt können weniger erfahrene oder mäßig talentierte  (kurz: wir Normalsterblichen) SLs mit einem geeigneten System gute Sachen vollbringen, weil das System ihnen einige relevante Sachen eben abnehmen kann.
Spielertyp nach Robin D. Laws: Storyteller 100%, Method Actor 92%, Tactician 75%, Specialist 50%, Butt-Kicker 50%, Casual Gamer 12%, Power Gamer 0%
NSC-Code: LE+MP-ST-FF0KO+!AG+IN0RR-!AT/PA+!EP0GP0PSI-MTF0PAIN-HdR-I

Captain

Und hier noch eine nicht ganz ernst gemeinte Ergänzung: How to select an RPG als Flowchart
Spielertyp nach Robin D. Laws: Storyteller 100%, Method Actor 92%, Tactician 75%, Specialist 50%, Butt-Kicker 50%, Casual Gamer 12%, Power Gamer 0%
NSC-Code: LE+MP-ST-FF0KO+!AG+IN0RR-!AT/PA+!EP0GP0PSI-MTF0PAIN-HdR-I

Tenebra

Sch...ade, nur auf Englisch. im Übrigen gebe ich dir recht, nicht jedes Systhem ist für jedes settig geeignet. Meiner bescheidenen Meinung nach gilt dies allerdings nicht für D&D, das ist für garnichts geeignet (na gut, zum Auspolstern des Mülleimers).
Mit jedem Sieg des Lichts, ist es die Dunkelheit, die gewinnt.

Fragment

Es geht doch nicht um Settings, sondern um die Art, wie man spielt. Und die ist bei DSA, DnD und Wushu eben jeweils völlig anders.
Mitmachprojekt: RPG Bash (mit Blog)

Tenebra

Zitat von: Fragment in März 13, 2012, 17:13:10 NACHMITTAGS
Es geht doch nicht um Settings, sondern um die Art, wie man spielt. Und die ist bei DSA, DnD und Wushu eben jeweils völlig anders.

Natürlich, und doch ist nicht mit jedem Systhem jeder Stil/Setting/jede Idee möglich, bestes Beispiel ist ja das deutsche Rollenspiel mit den drei Buchstaben.
Mit jedem Sieg des Lichts, ist es die Dunkelheit, die gewinnt.

Captain

Jain. Du könntest mit DSA Regeln auch in anderen Fantasywelten spielen als Aventurien. Was aber stark impliziert wird ist ein bestimmter Stil. In dem Sinne hat Fragment völlig recht.
Aber natürlich gibt DSA auch im Setting gewisse Vorlagen. Das Verschärft die Problematik aber nur.

Im Klartext heißt das, daß andere Fantasysettings schwer mit DSA umzusetzen sind, wenn man das Genre wechseln will wirds gleich noch deutlich schwieriger, das mit diesen Regeln (bzw. analogen Regeln) hinzubekommen. Wenn man das andere Setting bzw das andere Genre oder eben nen anderen Stil spielen möchte (und da ist es ganz egal, was davon), macht es demzufolge mehr Sinn, sich ein System zu schnappen, mit dem das leichter zu machen geht. Dazu muß man sich nur ein wenig umsehen. Und ganz genau das ist die Aussage in meinem Beitrag gewesen. ;)
Spielertyp nach Robin D. Laws: Storyteller 100%, Method Actor 92%, Tactician 75%, Specialist 50%, Butt-Kicker 50%, Casual Gamer 12%, Power Gamer 0%
NSC-Code: LE+MP-ST-FF0KO+!AG+IN0RR-!AT/PA+!EP0GP0PSI-MTF0PAIN-HdR-I

Fragment

Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass man mit Wushu, Savage Worlds, vermutlich GURPS (das ich aber  bisher nur mit dem Arsch, äh, in der Light-Fassung angeguckt und nicht gespielt habe, weshalb ich mir da kein vollständiges Urteil bilden kann) und FATE so gut wie jedes Setting spielen kann. Ausnahmen bestätigen die Regel - aber Aventurien ist wirklich derart weitgehend Standard-Fantasy, das kann jedes System abbilden (und nicht zuletzt gibt es im Tanelorn für den geneigten Leser eine meterlange Liste an Aventurien-Conversions auf andere Systeme).

Umgekehrt geht das auch: Mit DSA ein anderes Setting bespielen erfordert zwar einiges an Umbauten am System (da es halt "as written" sehr stark auf das Setting Aventurien bezogen ist), aber Myranor und die Dunklen Zeiten (die man imho durchaus als eigenes Setting durchgehen lassen kann, auch wenn sie theoretisch doch nur Aventurien in alt sind) zeigen, dass es geht. Auch SciFi wäre mit DSA ohne Probleme machbar, wenn man das System entsprechend modifiziert.

(Wie ein System aussehen muss, um möglichst wenig Modifikationen zu erfordern, sei mal außen vor und geht auch 10 Meilen weit am Thema vorbei.)

Im Kern bin ich also der Meinung, dass das System für Setting und (Setting-)Genre keine allzu große Rolle spielt. DSA ist da in einem gewissen Rahmen eine Ausnahme, weil das System einfach a) extrem umfangreich, ergo aufwendig anzupassen, ist und weil es b) sehr stark auf ein Setting geschrieben wurde, stärker als beinahe jedes andere mir bekannte System. Aber mit SaWo, GURPS, FATE lässt sich ohne großes Geschraube beinahe jedes Setting spielen, und die meisten Settings (meinetwegen die klassischen DnD-Settings, Battletech etc.) lassen sich auf jedes System aufpropfen. Man schaue dazu auch mal, für wie viele Systeme es "My little Pony: Friendship is Magic"-Conversions gibt.

Aber cinematische Äktschn mit DSA, tiefgehendes und konfliktgetriebenes Charakterspiel mit DnD, die realistische Abbildung eines Mechkampfs in Wushu, das sind halt Sachen, die eher tricky bis unmöglich sind. Klar, man kann DSA mit cinematischer Äktschn spielen, wenn man das halbe Regelwerk ignoriert (bei DSA gibt es nun mal Probenerschwernisse für coole Sachen, weil die meistens eben schwer sind) und klar kann man bei DnD tiefgehendes Charakterspiel betreiben (macht dann aber im Wesentlichen Freeforming, weil DnD für so was regeltechnisch wirklich null Hilfe hat). In beiden Fällen wäre es aber sinnvoller und einfacher, einfach ein System zu nehmen, das für die persönlichen Vorlieben wesentlich besser geeignet ist als das jeweils genannte. Und da spielt das System eben wirklich eine Rolle.

tl;dr: System und Setting können getrennt betrachtet werden, System und Stil bedingen sich deutlich stärker gegeneinander.
Mitmachprojekt: RPG Bash (mit Blog)

Tenebra

Mit jedem Sieg des Lichts, ist es die Dunkelheit, die gewinnt.

Captain

wozu was?
Könntest du die Frage bitte genauer spezifizieren?
Spielertyp nach Robin D. Laws: Storyteller 100%, Method Actor 92%, Tactician 75%, Specialist 50%, Butt-Kicker 50%, Casual Gamer 12%, Power Gamer 0%
NSC-Code: LE+MP-ST-FF0KO+!AG+IN0RR-!AT/PA+!EP0GP0PSI-MTF0PAIN-HdR-I

Tenebra

Mit jedem Sieg des Lichts, ist es die Dunkelheit, die gewinnt.

Fragment

Sorry, mir ist immer noch absolut unklar, was du eigentlich sagen willst.
Mitmachprojekt: RPG Bash (mit Blog)

das Berstl

#11
@ Tenebra

Honorierst Du die Postings anderer, die vermutlich einen nicht unbedeutenden Aufwand betrieben haben, um ihre Beiträge zu verfassen und sich damit eine Menge Mühe gegeben haben, damit Missverständnisse ausgeschlossen sind eigentlich immer durch stupides Nacherzählen oder blödsinnige Kommentare?

Ich verfolge dieses Thema mit großem Interesse und mir geht's grad tierisch auf den Zeiger, dauernd dein hohles Gesülze zwischen den ernstzunehmenden Beiträgen zu haben.

Tut mir übrigens leid, dass ich gerade of topic bin.

Captain

#12
Dieser letzte Satz hat ja eigentlich zwei Aussagen. Der zweite Teil (Stil wird vom System stark bedingt) ist die letztliche Aussage von Edwards Artikel, den ich oben bereits referenziert habe und der Inhalt meines Eingangspostings und eben jenem Post von Fragment. Wenn das die Frage ist, mußt du die Beiträge nur nochmal in Ruhe lesen.
Der erste Teil des Satzes (System und Setting können getrennt betrachtet werden) erklärt Fragment eigentlich auch ganz gut. Es gibt mehr als genug Konversionen, die Settings von großen Systemen auf andere Regeln umsetzen und damit ein ganz simpler Beweis für diese Trennungsmöglichkeit sind.

Wozu man dies braucht? Um sich seiner Freiheiten und Möglichkeiten bewußt zu sein und so einfach besser "seine" Spielweise zu finden. Nein man ist nicht an die Regeln eines bestimmten Systems gebunden, wenn man das mitgegebene Setting spielen will (oder andersrum). Und nein, es funktioniert einfach nicht so gut, den Stil den ein System stützt radikal durchbrenchen zu wollen. Es bedeutet nen Arsch voll Arbeit, ist dann meist schlecht abgestimmt und kann obendrein viel leichter erreicht werden, indem man einfach das System wechselt.

Ich weiß, daß ich ich mitunter Probleme habe, meine Gadanken so zu formulieren, daß sie verständlich werden. Aber dieser Kern an Inhalt sollte durchaus bereits klar zu verstehen sein (nicht zuletzt durch Fragments Beitrag).
Spielertyp nach Robin D. Laws: Storyteller 100%, Method Actor 92%, Tactician 75%, Specialist 50%, Butt-Kicker 50%, Casual Gamer 12%, Power Gamer 0%
NSC-Code: LE+MP-ST-FF0KO+!AG+IN0RR-!AT/PA+!EP0GP0PSI-MTF0PAIN-HdR-I

Tenebra

Zitat von: Captain in März 19, 2012, 07:34:53 VORMITTAG
Wozu man dies braucht? Um sich seiner Freiheiten und Möglichkeiten bewußt zu sein und so einfach besser "seine" Spielweise zu finden. Nein man ist nicht an die Regeln eines bestimmten Systems gebunden, wenn man das mitgegebene Setting spielen will (oder andersrum). Und nein, es funktioniert einfach nicht so gut, den Stil den ein System stützt radikal durchbrenchen zu wollen. Es bedeutet nen Arsch voll Arbeit, ist dann meist schlecht abgestimmt und kann obendrein viel leichter erreicht werden, indem man einfach das System wechselt.
...und indem du das schreibst, bist du zum Kern der Dinge gestoßen. Im übrigen bin ich der Meinung, das es hilfreich sein kann, als SL vor einführung einer neuen Runde seine potentiellen Mitspieler zu fragen, was sie denn gern hätten. Hier spielt dann übrigens sowohl Systhem, als auch Setting und Stil eine sehr große Rolle, je nach Bedarf.

@Berstel: Unqalifiziert! Bitte unterlass dergleichen zukünftig. Danke.
Mit jedem Sieg des Lichts, ist es die Dunkelheit, die gewinnt.

Fragment

Zitat von: Tenebra in März 19, 2012, 14:52:08 NACHMITTAGS
...und indem du das schreibst, bist du zum Kern der Dinge gestoßen.

Nein, er sagt das gleiche wie im Eingangspost (Stil eines Systems ist relativ fix, anderer Stil erfordert idR neues System) noch einmal. Mir ist damit wieder einmal schleierhaft, worauf du eigentlich hinauswillst.
Mitmachprojekt: RPG Bash (mit Blog)