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Autor Thema: Hisst die Segel  (Gelesen 3686 mal)

Ahsil

  • Ork
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Hisst die Segel
« am: Oktober 27, 2005, 17:39:27 Nachmittag »
Hisst die Segel

„Es weht ein rauer Wind von Süden her,
Der mich vom rechten Kurs nach Norden treibt.
Den Osten hieß ich einst im Blute Bruder,
Doch zog der Westen mich von dort aufs Meer.
Jetzt hisst die Segel, setzt die Ruder,
Fahren werden wir bis Blau nur bleibt!

Mit voller Kraft auf weiter See zu Gang,
Zerbreche ich die Bande alter Zeit
Bis nichts als Krumen sich um Achtung zanken
Und immer tiefer steuert mich mein Drang.“
Es seufzt der Mast, es knacken Planken,
„Fahren wollen wir bis Blau uns freit!“

„Mein Kapitän!“, schallt es vom Guck mit Hast,
Bedrohung naht von Luv - noch tausend Fuß.
„Mir scheint ein Kraken möchte uns ertränken.“
„Die Speere! Spannt die Bögen! Unser Gast
Wird nimmer dieses Schiff versenken.
Sendet diesem Untier meinen Gruß!“

„Der Pfeilsturm lehrt den Moloch sicher Scheu.“
Erhoffen sich die Mannen festen Mut.
Doch ahnend sucht die Kreatur die Tiefe,
Als wär’ Apoll persönlich ihrer treu.
Dem Auge dünkt, die Mare schliefe
Ungestört von aller Stiche Wut!

Nur seichtes Kräuseln ist’s , was man erspäht.
Ein stummer Zeuge urgeborner Angst,
Die unsre Helden hier auf See ertragen.
„Ihr Meinen, jede leere Sehne lädt!
Erneut wird unser Feind es wagen.
Du, Apoll, was ist’s, das du uns bangst?“

„Mein Kapitän!“, tropft es vor Schweiß vom Kinn,
„Nicht hundert mehr bis alles Holz zerbricht.“
Gespannt verharren weiter Mann und Bogen,
Vertrauen hält die Hand des feigsten hin.
Schon spürbar weht der Zephyr, Wogen
Schlagen Gischt den Schützen ins Gesicht.

„Seht dort! Von Achtern - harter Peitschenstoß!
Ein Mann von Bord gerissen - in die Flut!“
„Zum Steuer, Pack! Es gilt sich zu beeilen!
Lasst keine Rücksicht walten, denn das Los
Der Toten werden wir sonst teilen.“
Heckwärts stürmend bebt der Herzen Glut!

Umschlungen ist der Hort im fernen Blau.
Schon mancher Leib verlor den Seelenhalt,
Doch tapfer schneidet scharfer Stahl noch Wunden.
Es stellt sich hier ein übles Bild zur Schau,
Tentakelfleisch liegt ungebunden
Auf den Bohlen tief ins Braun gekrallt.

Nur Atemzüge trennen Schlacht und Sieg.
„Sie sinkt!“, ertönt es plötzlich mit Organ,
„Sie geht zurück in Hades’ kalte Hände,
Aus welchen sie verdammend einst entstieg!“
„Und wieder fern der goldnen Strände
Treibt im Winde unser freier Kahn!“

Ob Freude wohl dem rechten Segen gleich?
Zu finster wirkt der Horizontensaum.
„Was droht mit argem Blicke aus der Weite?
Ist’s Götterzorn, Poseidons Rachestreich?
Zerschlagen kann das Boot in Scheite,
Brennen kann es in der Wogen Schaum!“

Und näher rückt, was unaufhaltsam scheint.
Das Wasser kündet glühend Sturmflut an.
Wie Sägen beißt das Nass in dünne Remen.
Als letzte Warnung die Plejade weint,
Eh’ Groll und Blitz das Schiff verfemen,
Welches wagend einst die Fahrt begann.

Der Mast singt ächzend seine Klagesuite,
„Die Linnen ein!“, erkämpft man sich Gehör
Im schwarzen Donnerdunst der Urgewalten.
Mit Mühen freit das lang schon müde Glied
Das Weiß von Äolus’ Gestalten.
Risse bergen, was den Mut zerstör’.

Gebettet nun in rauer Wut und Zeit.
Dort liegen Tag und Nacht der Scheidung fern.
Am Bug sieht man die Wellen eifrig trimmen,
Zur Stelle, wenn ein Opfer sich nicht feit.
Befehlen doch die Götterstimmen
Rüder See, dem Menschen umzukehr’n.

„Was treibt mich weiter in Gefahr und Untergang?
Ist’s Fernweh, Hoffnung, Trauer, Daseinsfrust?
Die Tapfren mir zur Seite sind im Eide.
Um ihre Seelen ist es meiner bang,
Denn Dionys hängt seine Schneide
Über sie im Zeichen meiner Lust.“

Noch heult der Wind und Tropfen preschen dicht
Auf Deck und Haupt in lautem Tönespiel.
Geschwächt von Nässe hält man Kurs und Steuer.
Minuten sind’s, bis jede Planke bricht,
Doch weiter loht der Mannschaft Feuer,
Ungesunken schwimmt der Eichenkiel.

„Gesegnet seist du Helios, dein Reich.
Uns armen bleibt zuletzt nur deine Gunst
Aus warmen Händen Güte zu empfangen.“
„Mein Kapitän, ein Lichtstrahl selten weich
Vermag im Wolkengrau zu prangen,
Führet durch den trüben Nebeldunst!“

„Und folgen werden wir mit aller Kraft
Aus dieser Not zu fliehen Richtung West,
Auf dass der alte Weg uns wieder habe!
Als wir einst hissten voll von Leidenschaft,
Da galt mein Trotz dem kalten Grabe,
Heut bleibt uns zum Hohn nur Sehnsuchtsrest.“

Zum Lohn bahnt sich schon bald das ärgste an!
Ein Los vor dem der Kühnste nicht besteht.
Wenn einem Gaumen Knochen schmeichelnd schmecken,
Wenn eine Hand kein Obst mehr fühlen kann,
Dann zwingt es den verwegnen Recken
In die Knie, bis er um Gnade fleht.

„Ach Blau, vom fernen Osten kam ich her,
Mein Blick doch nur im westlich Sehnen treibt.
Den Göttern trotzen wollte ich im Leben,
Getrotzt hab ich der Bestie und dem Meer!
Und nun dem kleinsten Feind ergeben?
Fahren müssen wir bis nichts mehr bleibt!“